Weniger ist mehr - der Kampf um unsere seelische Autonomie ist eine tief spirituelle Aufgabe

Rezension von WInfried Stanzick zum Buch "Die seelenlose Gesellschaft: Wie unser Ich verloren geht" von Till Bastian

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten. Kösel-Verlag. ISBN-10: 3466309255, ISBN-13: 978-3466309252. Preis: 17,99 Euro.

In den letzten Jahrzehnten hat sich im Zuge der digitalen Revolution etwas mit der menschlichen Seele ereignet, das den Individuen noch gar nicht so bewusst ist, den Menschen aber, die wie der Autor dieses Buches, der Psychotherapeut Till Bastian, der als Leiter einer psychosomatischen Klinik täglich mit an ihrer Seele erkrankten Menschen arbeitet, drängend vor Augen steht.

Eine "seelenlose Gesellschaft" sieht Till Bastian in seinem Buch aufscheinen. Eine Gesellschaft, in der zunehmend mehr Menschen durch die Überflutung medialer Reize und die digitalen Identitäten, die sie sich erschaffen und wieder löschen, die Kontrolle über ihr inneres Leben verlieren. Sie sind "Lost in decision" und fühlen sich innerlich leer. Immer mehr Menschen verwahrlosen sozial, wissen nicht mehr, was ein echter Kontakt ist, von authentischen Gefühlen ganz zu schweigen. Mit der Zahl der möglichen Optionen, steigt der Anteil an ungelebtem Leben.

Der Philosoph Christoph Türcke hat eben in einem kleinen Buch auf die Genese solcher Entwicklungen aufmerksam gemacht in einer "Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur" (C.H. Beck 2012), deren Peak er noch lange nicht erreicht sieht.

Till Bastian beschreibt den "außengeleiteten Charakter" und diskutiert ihn anhand psychotherapeutischer Fachliteratur, aber auch sehr verständlich an zahlreichen aktuellen Beispielen.
Zwei Dichter sind ihm Vorbild für ein seelisches "Partisanentum", wie er es als sinnvollen Widerstand gegen die menschen- und lebensfeindlichen Phänomenen der Moderne vorschlägt - Henry David Thoreau und Hermann Hesse.

Vier wichtige Hinweise gibt er all den Menschen, die nach einer größeren emotionalen Autonomie streben und sich vom Einfluss des "sekundären Systems" unabhängiger machen wollen. Ihnen, so Bastian, sollte es um eine schrittweise Veränderung auf vier Themenfeldern gehen:

1. um eine wirksame Reduktion der uns beständig anflutenden, überstimulierenden Menge von Außenreizen
2. um eine einschneidende, dauerhafte und nachhaltige wirksame Vereinfachung der alltäglichen eigenen Lebenspraxis
3. um die Wieder-Verfügbarkeit über ausreichende Zeit zur Muße, zur Besinnlichkeit und zur Selbstreflexion
4. um den nötigen Respekt für die eigene innere Ambivalenz, für die Vielschichtigkeit und Mehrdimensionalität des zu erforschenden eigenen Seelenlebens. (S. 142/143)

Einfach und doch schwer zu verwirklichen. Doch um unsere bedrohten Seelen und vor allen Dingen die unserer Kinder (vgl. das Buch von Türcke) zu retten und zu schützen, müssen wir Widerstand leisten, seelische Partisanen werden in einer Gesellschaf, in der immer mehr Menschen ihre eigene Identität verlieren, ohne es zu merken. Erst wenn nichts mehr da ist von sich selbst, wenn die Menschen leer, ausgebrannt, krank geworden sind, spüren sie, dass da irgendetwas in der Vergangenheit mit ihnen geschehen ist. Ich habe es mehrfach erlebt, dass selbst ein langer Klinikaufenthalt bei diesen Menschen nicht helfen konnte, das verlorene Ich wiederzufinden. Weniger ist mehr - der Kampf um unsere seelische Autonomie ist eine tief spirituelle Aufgabe.



 
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